Wir gehen vom Kohlmarkt in Richtung Osten. Die Straße hier hat den schönen Namen Hutfiltern, was wohl auf die im Mittelalter hier ansässigen Hutfilzer – also Hutmacher – zurückgeht. Seit dem 19. Jahrhundert hat sie sich allerdings in eine der Haupt-Einkaufsstraßen verwandelt.
Ein Großteil der Gebäude auf der Nordseite blieb im Zweiten Weltkrieg verschont, so dass sie einen bunten Querschnitt von Architekturstilen der verschiedenen Jahrhunderte bietet. Witzigerweise wirkt gerade die lange Fassade eines langen Baus des 21. Jahrhunderts durchaus nicht dominant, weil sich darin vor allem die Häuserreihe auf der gegenüberliegenden Seite spiegelt.

Hinter dem Eingang zur einstigen Burgpassage ändert sich der Straßenname unmerklich: hier beginnt der Damm. Dass dies nicht erst an der Kreuzung geschieht, liegt daran, dass hier einst ein Arm der Oker von Süden nach Norden querte und die Weichbilde Altstadt (im Westen) und Altewiek (im Osten) trennte. Im Vergleich Karten von 1836 [1] und 2026 [2].
Ein paar Meter weiter zweigt die Straße Kattreppeln ab. Für den Namen gibt es offenbar keine eindeutige Erklärung. Immerhin gibt es den Namen auch in Königslutter, in Hamburg gibt es ein Kattrepel. Der Bildhauer Siegfried Neuenhausen – der zeitweise an der HBK lehrte – hat sich seine eigene Interpretation Kattreppeln = Katzenbalgen zurechtgelegt, die uns erfreulicherweise die wohl dynamischste Skulptur der Stadt beschert hat. Das dahinter sichtbare Fachwerkhaus wurde 1530 übrigens als Bürgerhaus errichtet.

Kattreppeln ist mit einer kruden Mischung aus notdürftiger – teils einstöckiger – Nachkriegsbebauung im nordöstlichen Bereich und gesichtslosem 21. Jahrhundert auf der Südseite ausgestattet. Das Eckhaus zur Münzstraße verweist mit dem Namen Einhorn auf ein älteres Wirtshaus an dieser Stelle, das 1910 ersetzt wurde.

Wenn wir noch einmal auf die Karte von 1836 oben schauen, sehen wir, dass wir jetzt auf einer gedanklichen Langen Brücke einen weiteren Okerarm überqueren. Auf der anderen Seite befand sich das Große Waisenhaus Beatae Mariae Virginis. Es ging auf die Stiftung eines Hospitals im 13. Jahrhunderts nebst Kirche zurück, in dem Waisen nur zum Teil eine Rolle spielten. Das große klassizistische Gebäude mit Innenhof hier wurde 1784 bis 1787 gebaut. Nach Kriegszerstörungen wurde nur der Westflügel wiederaufgebaut, er wird heute von einem Best Western Hotel genutzt. Das Waisenhaus als Institution zog erst um ins Franzsche Feld, dann an die Salzdahlumer Straße. Inzwischen gelten Waisenhäuser nicht mehr als zeitgemäß, die Stiftung gibt es aber weiterhin und widmet sich projektweise sozialen Zwecken.

Dass die Straße „Hinter Liebfrauen“ heißt, hat direkt mit dem früheren Kirche zu tun, denn die Schutzpatronin Beata Maria Virgo = Selige Jungfrau Maria ist eben jene „Liebe Frau“. Bald zweigt rechts eine Straße ab. Das dominierende Gebäude gibt sich schon durch seine Aufschrift als ein Gebäude des „Allgemeinen Konsum-Vereins“ zu erkennen. Und sinnigerweise gibt es einen Verein mit dem Namen auch heute noch, nur ist es inzwischen ein Kunst-Verein. Obwohl der Jugendstil-Bau von 1907 verschwenderische Fassaden-Verzierungen aufweist, ging es ursprünglich eigentlich ums Sparen: zur Zeit der Industriellen Revolution bildeten sich Genossenschaften mit dem Ziel, durch den Einkauf in größerer Menge für ihre Mitglieder günstigere Preisen erzielen zu können. Zum früheren Konsumverein in Braunschweig, der schon 1890 gegründet worden war, gehört neben dem Lagerhaus hier ein größeres Gelände, das auch ein Haus
an der Leopoldstraße umfasst.

Während in Deutschland genossenschaftliche Strukturen noch z. B. bei den Volksbanken und bei den Baugenossenschaften zu finden sind, haben sie sich als Konkurrenz zum kommerziellen Einzelhandel nicht halten können. Der aus Konsumgenossenschaften fusionierte Konzern co op wurde zur Aktiengesellschaft, bevor er mit Bilanzbetrügereien ruiniert wurde. In der Schweiz ist das anders: sowohl coop als auch Migros, die u.a. die größten Supermarkt-Ketten betreiben, sind Genossenschaften.
Auf den Karten können wir die Situation 1889 [3] mit der 2026 [4] vergleichen. Vor dem Gebäude hier verlief anfänglich noch einer der Okerarme – erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er verrohrt. Also konnte man ursprünglich nur über eine kleine Brücke in das Gebäude (in der Karte Braunschweiger Künstlerhaus genannt). Der einstige Verlauf wird heute durch einen kleinen künstlichen Wasserlauf angedeutet. Der westlichere auf der Karte sichtbare Okerarm war noch vor dem Bau verrohrt worden.
Der kleine Platz an dieser Stelle wurde im 19. Jahrhundert Ottilientheil genannt. Eine plausible Erklärung für den Namen gibt es nicht, und heute ist der Name nicht mehr offiziell in Gebrauch. Nach Südosten hat man einen schönen Blick auf die höhergelegene Ägidienkirche.

An der Stelle des Hauses im Vordergrund stand früher eine Mühle, die – wiewohl schon lange ohne Funktion – erst 1969 abgerissen wurde [5]. 1980 wurde das neue Gebäude in gewisser Anlehnung an die einstige Architektur gebaut und zeitweise (?) als apostolische Kirche genutzt.

Echt historisch – nämlich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts – ist dagegen ein Fachwerkhaus am östlichen Ende des Platzes.

Eine winzige Gasse Richtung Osten zum Ägidienmarkt: die Ägidienstraße (warum das hier „Straße“ genannt wird, der Bohlweg hingegen nur ein „Weg“ ist, weiß die Geschichte).
Der Ägidienmarkt war der Marktplatz des Weichbildes Altewiek. Hier gab es auch mal ein Rathaus, das bedeutungslos wurde, als Braunschweig 1671 von den in Wolfenbüttel residierenden Herzögen unterworfen wurde. Abgerissen wurde das Rathaus 1752 (nicht lange danach zog der Hof von Wolfenbüttel nach Braunschweig um).
Eigentlich gehörten die angrenzenden Straßenzügen zu denen, die im Zweiten Weltkrieg komplett niederbrannten, und die Stobenstraße, die vorher eine schmale Straße in der Innenstadt war, wurde in der Nachkriegszeit zur mehrspurigen Magistrale. Der Durchgangsverkehr setzt den Entwicklungmöglichkeiten natürlich Grenzen, dennoch ist es in den letzten Jahren gelungen, den Ägidienmarkt gestalterisch wieder zu einem Platz aufzuwerten, mit einem schönen Blick auf die Ägidienkirche. Das rechte der Fachwerkhäuser, Leisewitzhaus genannt, stand ursprünglich an der Wallstraße, siehe dazu den Spaziergang „Lessingplatz“.

Das Haus auf der Nordseite wurde 1881 wurde für einen Weinhändler gebaut. Es wurde im Krieg stark beschädigt, aber wieder aufgebaut.

Nach Osten kommen wir nun in das Magniviertel. In der Mandelnstraße finden wir eine bemerkenswerte Form des Wiederaufbaus: das Haus ist von 1974. In der vorgeblendeten Fachwerk-Fassade wurden Teile des Vorgängerbaus von 1644 verwendet. Das Erdgeschoss ist aber zweifelsfrei modern. Ein erfreulicher in dieser Umgebung, die im Vergleich zu anderen Teilen des Magniviertels doch recht gebeutelt ist.

Von der Mandelnstraße biegen wir nach links in die Kuhstraße ab.
An vielen anderen Stellen stehen Fachwerkhäuser für eine Vergangenheit, die man bei der Neubebauung im 19. Jahrhundert hinter sich ließ. Bei diesem Haus am Ecke zum Karrenführerstraße ist das anders: die unteren beiden Geschosse wurden 1889 massiv gebaut, die oberen – jeweils vorkragend – in Fachwerk. Selbst altmodische Figurenknaggen an der Ecke fehlen nicht.

Über den Ölschlägern würden wir jetzt in den Kern des Magniviertels gelangen. Das sparen wir uns für einen anderen Sparziergang auf.
Ein monströses Kaufhaus-Gebäude trennt das Magniviertel von der Fußgängerzone ab. Durch seine typischen Fassaden-Kacheln (erfunden von Egon Eiermann) ist es als Horten-Kaufhaus erkennbar. In der Entstehungszeit war das Konzept von Kaufhäusern: keine Ablenkung durch mögliche Blicke nach außen, maximale Fläche, kein Anschluss an die umgebende Bebauung. Eröffnet wurde das Haus 1974 und schloss eine große Baulücke (die heutige Karrenführerstraße hieß in der Nachkriegszeit noch Karrenführerplatz). Zwanzig Jahre später von Kaufhof übernommen, wurde das Kaufhaus schließlich im Oktober 2020 geschlossen, so wie zahllose andere Kaufhäuser in anderen Städten. Seitdem wird nach einer Anschlussnutzung gesucht.

Karte
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Bildquellen
- [1] Braunschweig mit der Promenade und den daranstoßenden Gärten
Carl Maré, Carl Wilhelm Schenk
Gemeinfrei - [2, 4, Karte] OpenStreetMap
OpenStreetMap-Mitwirkende
Open Data Commons Open Database License - [3] Ortsbauplan der Stadt Braunschweig 1889
Friedrich Knoll
Gemeinfrei - [5] Constantin Uhde: Braunschweigs Bau-Denkmäler. Zweite Serie
CC-BY-NC



