Von der Haltestelle Göttingstraße (oder dem vorhergehenden Spaziergang) gehen wir nicht weiter am Ring entlang…

… da die schöne Folge von Gründerzeit-Bauten hier zu Ende ist. Dagegen geht es in der Göttingstraße noch hübsch weiter.

An der Ecke zum Bültenweg befindet sich La Taperia, die erste Adresse in Braunschweig, wenn man Tapas essen möchte (auch wenn der Inhaber kein Spanier ist).
Der Bültenweg macht in seinem Verlauf einen etwas seltsamen Eindruck: zunächst eine schwach befahrene Straße, auf der anderen Seite des Rings dann eine Sackgasse, schließlich eine Hauptstraße in den Norden der Stadt. Der Grund liegt darin, dass der Übergang vom Hagenring zum Rebenring (vorher Rebenstraße) erst in der Nachkriegszeit geschaffen wurde – bis dahin war der Bültenweg die Verbindung nach Norden.
Der Luftschifferweg verweist mit seinem Namen darauf, dass Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nähe (nämlich direkt am Gaswerk Taubenstraße) Heißluftballons gestartet wurden.

Die Wiese, an der wir später vorbeikommen, wird auch in neueren Karten noch als Ballonwiese bezeichnet, die offiziellere Bezeichnung ist Nordpark. Von hier sehen wir nach Norden ein Stadtviertel, das in den 2010er und 2020er Jahren praktisch vollkommen neu entstanden ist.

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Das schmucke Empfangsgebäude des Nordbahnhofs wurde renoviert und beherbergt seit 2013 das Haus der Kulturen, in und an dem gelegentlich auch Veranstaltungen stattfinden. Bis vor ein paar Jahren kam hier ab und zu noch eine Lok mit genau einem Waggon vorbei, hielt am Mittelweg, ein Mann sprang ab, um die Schranke herunterzukurbeln, die Lok fuhr zwanzig Meter weiter, der Mann sprang wieder auf, und die Fahrt ging weiter, um den einen Waggon zum Kraftwerk zu bringen.

Der Bahnhof, der heute so unscheinbar aussieht, war einstmals eine wichtige Station. 1886 eröffnet, gab es zunächst über das Ringgleis eine Verbindung nach Seesen. Anfang des 20. Jahrhunderts (1902) kam man über Gliesmarode West und Flechtorf nach Fallersleben (die Stadt Wolfsburg gab es noch nicht!). Oder über Gliesmarode West, Rautheim und Hötzum am Elm entlang nach Schöningen und an der Asse entlang nach Mattierzoll. Nicht die große weite Welt, aber der Zielpunkt für einen erheblichen Teil des Braunschweiger Umlandes. Ein Kuriosum war, dass man von hier den kaum 2 km Luftlinie entfernten Bahnhof Gliesmarode nicht auf direktem Weg erreichen konnte: die Verbindung nach Gliesmarode West überquerte auf einer Brücke die Strecke Braunschweig – Wieren, es gab keine Gleisverbindung.
Der Abstieg des Bahnhofs begann, als 1938 Jahren die Nebenstrecken auf den Hauptbahnhof ausgerichtet wurden. Übrig blieb zunächst der Güterverkehr. Nachdem das Ringgleis mit dem Sterben der daran angeschlossenen Industriebetriebe obsolet wurde, wurde 1986 auch der Nordbahnhof stillgelegt und zunächst als Kundenzentrum der Stadtwerke genutzt.
Richtung Univiertel führt vom Nordbahnhof die Geysostraße. Hier findet man ein paar ambitionierte Gründerzeithäuser, zum Beispiel an der Ecke zur Nordstraße.

Grund dafür dürfte sein, dass mit der Eröffnung des Nordbahnhof die Attraktivität dieses Viertels erhöht wurde (in Analogie zum Friedrich-Wilhelm-Viertel in der Nähe des Hauptbahnhofs). Den Bahnhof konnte man vom Zentrum aus über Schleinitz- und Geysostraße mit der Straßenbahn erreichen. An mehreren Straßenecken gab es kleine Läden, die aber inzwischen durchgängig geschlossen haben.
Auf der anderen Seite des Rings stoßen wir an der Pockelsstraße auf das Haus der Wissenschaft. Man möchte es in die Mitte der 1920er Jahre datieren, da es an das Chilehaus in Hamburg, das Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen oder das Anzeiger-Hochhaus in Hannover erinnert.

Wenn man der Fassade näherkommt, sieht man, wie abwechslungsreich die Backsteine in den Feldern angeordnet sind:
Mir gefällt aber auch die Kuppel (die zeitweise sogar beleuchtet war), die von weither im nördlichen Ringgebiet sichtbar ist. In der modernen Form stammt sie aus dem Jahr 2011; ursprünglich war hier die Kuppel einer Sternwarte. Nach der Kuppel ist auch das Restaurant La Cupola benannt, das sich in dem gotisch anmutenden Raum im 6. Stock und auf den angrenzenden Terrassen befindet. Von hier hat man auch einen fantastischen Ausblick auf die Dächer der Innenstadt.

Neben dem Turm sitzt in dem niedrigeren Gebäude das Naturhistorische Museum, das aus seinem Thema auch außerhalb kein Geheimnis macht.
Tatsächlich stammt das Gebäude nicht aus den 1920er Jahren, sondern wurde 1937 eröffnet, und die Zweckbestimmung war durch und durch nationalsozialistisch. Ursprünglich als Gebäude der Technischen Hochschule konzipiert, wurde in der Planungsphase eine Hochschule für Lehrerbildung ersinnt, die schließlich nach dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust benannt wurde. Rust war nicht nur einer der Hauptverantwortlichen für die unsägliche Rassenlehre als Pseudowissenschaft, sondern auch für den Exodus von bedeutenden Wissenschaftlern, der die Vorherrschaft von Deutschland in der Wissenschaft nachhaltig beendete.
Zum Glück sind diese finsteren Zeiten vorbei. Nach dem Krieg wurde die Hochschule als Pädagogische Hochschule neu gegründet und nach der generellen Auflösung der PHs in Niedersachsen 1978 in die TU eingegliedert. Das Gebäude hat sich z. B. mit seinen Science Slams zu einem Zentrum der Wissenschaftsvermittlung in Braunschweig entwickelt. Aber auch Kultur findet hier ihren Platz: das TU-Orchester probt hier, und die TU Bigband hält hier in der Aula ihre Studioabende ab.
Westlich schließt sich der Katharinen- bzw. Garnisonsfriedhof an. Ich gehe in dem Artikel über Friedhöfe näher darauf ein.

Die Mensa an der Katharinenstraße ist 1963 die erste große Mensa der TU gewesen und entspricht dem Stil der Zeit. Sie ist zum Teil auf der Fläche des (schon Jahrzehnte vorher nicht mehr genutzten) Friedhofs entstanden. Nicht davon betroffen sind die auch im Bild sichtbaren Kriegsgräber. Nach dem „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ sind sie dauerhaft zu erhalten.
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