Vom Lessingplatz kommend kann man südwärts spazierend die Phasen nachvollziehen, in denen der Bürgerpark entstanden ist. Zunächst durchqueren wir den Kiryat-Tivon-Park, der durch das Steigenberger Parkhotel nach Süden begrenzt ist. Den Namen hat der Park erst seit 1996 in Gedenken an die Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Kiryat Tivon.

Nach dem Schleifen der Wallanlagen ließ der Kaufmann Rönckendorff hier 1805 einen Park anlegen. 1836, also kurz vor dem Bau des Alten Bahnhofs, sah diese Gegend so aus [1] im Vergleich zu heute [2].
Der sogenannte Rönckendorffsche Garten wurde 1862 von der Eisenbahn-Direktion angekauft. Das allmähliche Wachstum des Bahnhofs war der Grund dafür, dass die Oker sichtbar nach Osten verlegt wurde.
1864 wurde das Wasserwerk gebaut, dessen Turm man heute vom Park aus über Teich und Hotel hinweg sehen kann. Hier wurde Flusswasser aus der Oker entnommen, in Klärteichen auf der linken Okerseite ließ man Fremdstoffe absinken, um das Wasser dann in das Trinkwassernetz einzuspeisen. Später (1886) wurden die Klärteiche durch die Teiche ein paar Kilometer weiter südlich ersetzt, an denen heute das Kennel-Bad liegt. Noch später stellte man die Nutzung von Okerwasser komplett ein – seitdem wurde erst Grundwasser gehoben, dann Wasser direkt aus dem Harz bezogen.
Der Turm ist kein eigentlicher Wasserturm zur Speicherung von Wasser – er wird auch als Druckturm bezeichnet. Daneben ist noch das „Pumpenhaus“ erhalten geblieben. In Anlehnung an das Aussehen vieler Kirchtürme der Innenstadt wurde der Turm bewusst neugotisch gestaltet. Seit 2014 steht auf dem Turm der 4m hohe „Türmer“.

Im Auftrag der Eisenbahngesellschaft gestaltete Friedrich Kreiß den Park 1868/69 in einen öffentlich zugänglichen Park um. Fortan wurde dieser Eisenbahnpark genannt. In dieser Zeit entwickelte Kreiß den Plan, diesen Park deutlich nach Süden auszudehnen, nämlich bis zur Okergabelung in den westlichen und östlichen Arm. Erst 1886 konnte er anfangen, diesen Plan umzusetzen, was bis 1889 dauerte.
Wir überqueren erst einmal den westlichen Okerarm Richtung Volkswagen-Halle. Auch diese Brücke hat seit 2009 ihren Namen nach einer Städtepartnerschaft, in diesem Fall mit der tunesischen Stadt Sousse.
Das Areal westlich der Oker, wo wir uns jetzt bewegen, wurde dem Bürgerpark 1974 hinzugefügt. Inzwischen war 1960 der Hauptbahnhof in den Südwesten der Stadt versetzt worden, so dass nach Abräumen der alten Gleisanlagen der Platz hier verfügbar wurde.
Einige hundert Meter weiter südlich überqueren wir den Okerarm in die andere Richtung. Die Brücke hier – nicht für Radfahrer geeignet – heißt seit 2020 Bandungbrücke, nach der indonesischen Partnerstadt Braunschweigs. Jetzt befinden wir uns wieder im ursprünglichen Bürgerpark. Auf der anderen Flusseite sehen wir die Grinsekatz, früher – unter anderem Betreiber – noch als Okercabana bekannt: eine Strandbar mit angeschlossenem Bootsverleih, aber auch Veranstaltungsort.

Markantester Punkt dieses Teils des Bürgerparks ist der Portikusteich mit dem Portikus. Der Portikus war ursprünglich ein von Peter Joseph Krahe entworfenes Portal der Hauptwache am Augusttor, das vor deren Abriss gerettet werden konnte [3].

Eine Ironie der Geschichte: im zweiten Weltkrieg wurde der Portikus schwer beschädigt: von ursprünglich sechs Säulen stehen nur noch drei vollständig. Was man heute sieht, ist also eine tatsächliche Ruine, im Unterschied zu den absichtsvoll ruinenhaft gestalteten Bauwerken, die man in anderen englischen Parks sieht.

Vom Portikus hat man einen hübschen Ausblick auf die direkt angrenzende Okerverzweigung.

Offenbar sah man nach Eröffnung dieses Parkteils in der Stadt, was man daran hatte. Als Kreiß eine weitere Erweiterung bis zur Eisenbütteler Straße vorschlug, wurde dem alsbald zugestimmt, so dass zwischen 1891 und 1900 dieser neue Abschnitt weitgehend fertiggestellt wurde – einige Arbeiten dauerten aber auch danach noch an. In diesem dritten Abschnitt befindet sich ein weiterer künstlich angelegter Teich.

Die Hoheworthbrücke führt nach Westen aus dem eigentlichen Park heraus an einer Kleingartenanlage vorbei. Seit ihrer Erneuerung 2019 ist sie barrierefrei.

Wir verzichten auf ihre Überquerung und gehen links davon an der Oker entlang weiter. Dabei umrunden wir den Kreißberg, der sich ca. 20 m über das Okerniveau erhebt.
Schon vorher waren Flächen im für die Anlage des Parks mit Schutt aufgefüllt worden, da sie regelmäßiges Überschwemmungsgebiet der Oker waren. Auch der Berg wurde über einen längeren Zeitraum im wesentlichen aus Bauschutt und Abfall angehäuft. Der Name des Bergs würdigt Friedrich Kreiß.
Nach einer halben Umrundung des Bergs öffnet sich der Blick auf eine Art Bucht. Mit einem Dampfer konnte man seit 1873 von einer Anlegestelle am Bruchtorwall zur Ausflugsgaststätte Heinrichshafen fahren. Mit den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg kam das Ende für dieses Ausflugsziel. Heute befinden sich hier der Gehörlosen-Sportverein und die Marinejugend.

Ein Stück weiter kommen wir wieder an den südlichen Teich des Bürgerparks, dem man meines Wissens keinen Namen gegönnt hat. Nach halber Umrundung des südlichen Teichs…

…gelangen wir zu einer Tennisanlage mit einem Dutzend Plätzen. Der Komplex, der entgegen den ursprünglichen Planungen mitten in die Parkanlage gepflanzt wurde, ist von 1900, die Tennishalle von 1906. Um die gleiche Zeit wurde ein Rokoko-Haus von der Goslarschen Straße hierhin verpflanzt. Dieses hat allerdings den Krieg nicht überlebt. Übriggeblieben sind zwei Pavillons und ein Tor, dazu eine Freitreppe nebst Skulpturen, die ohne das Haus etwas fehl am Platz wirken.

Von hier bewegen wir uns Richtung Norden zur Hennebergstraße, von wo aus wir zur Wolfenbütteler Straße gelangen.
Karte
GPX: Bürgerpark.gpx
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Bildquellen
- [1] Braunschweig mit der Promenade und den daranstoßenden Gärten
Carl Maré, Carl Wilhelm Schenk
Gemeinfrei - [2, Karte] OpenStreetMap
OpenStreetMap-Mitwirkende
Open Data Commons Open Database License - [3] Architekturfotos aus Braunschweig
CC-BY-NC

