Allgemeines
Die Richter-Mundharmonika ist fundamental ausgelegt auf das Spielen von Dur-Melodien und Dur-Akkkorden. Das heißt noch nicht, dass man nichts anderes spielen könnte. Hier gibt es z. B. eine a-moll-Tonleiter:
| C | E | G | C | E | G |
C
|
E
|
G
|
C |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
| D | G | B | D | F |
A
|
B
|
D
|
F
|
A
|
Zu anderen „Modi“ werde ich noch auf der Seite „Tonleitern“ schreiben. Dummerweise kommt man mit den normalen Blas- und Ziehtönen hiermit nicht sehr weit – schon beim a-moll fehlt uns die untere Oktave.
Tatsächlich ist die diatonische Mundharmonika aber zum Glück nicht auf diese Töne beschränkt! Es ist zwar z. B. bei einer Kirchenorgel so, dass die Töne, die eine Pfeife produziert, durch die Pfeife selbst festgelegt sind. Der Spieler hat nur die Kontrolle darüber, in welchem Zeitraum die Pfeife durch einen Luftstrom zum Schwingen gebracht wird, nicht aber über die Tonhöhe. Bei Blasinstrumenten wie der Mundharmonika ist das anders: der Resonanzraum, aus dem sich die Tonhöhe ergibt, umfasst nicht nur die Stimmzungen mit Kamm und dem Raum, der durch die Deckel umfasst wird, sondern auch den Mundraum des Spielers. Durch Änderung der Mundhöhle kann also die Tonhöhe verändert werden.
Eine der dazu verwendeten Techniken heißt Bending – ein deutsches Wort hat sich nie dafür etabliert. Wörtlich heißt es: Biegen.
Mit Bending können auf einem Loch Tonhöhen zwischen dem Zieh- und dem Blaston erzeugt werden, und es wird immer herunter gebendet. Ist der Ziehton höher als der Blaston (also auf den Löchern 1 bis 6), erfordert das Bending das Ziehen der Luft. Ist der Blaston höher als der Ziehton (also auf den Löchern 8 bis 10), erfordert das Bending das Blasen der Luft. Loch 7 ist insofern ein Sonderfall, dass hier Blas- und Ziehnton nur um einen halben Ton auseinanderliegen, man durch das Bending keinen echten zusätzlichen Ton erreichen kann.
Begrifflich unterscheidet man also zwischen Ziehbending (engl. Draw Bending) und Blasbending (engl. Blow Bending). Es gibt auch noch das sogenannte Overbending, wiederum bestehend aus Overblows und Overdraws – auf die gehe ich hier nicht ein.
Wie viele zusätzliche Halbtöne man mit Bending erreichen kann, hängt offenbar vom Abstand zwischen Zieh- und Blaston ab. Auf Loch 3 ist der Abstand mit 4 Halbtönen am größten, es sind also drei verschiedene Bendingtöne möglich. Allerdings ist es auch am schwierigsten, diese sauber voneinander abzugrenzen.
Alles in allem sieht unser Tonrepertoire mit Bending also wie folgt aus:
| Blasbending 2 Halbtöne | Bb | ||||||||
| Blasbending 1 Halbton | Eb | Gb | B | ||||||
| C | E | G | C | E | G | C | E | G | C |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
| D | G | B | D | F | A | B | D | F | A |
| Db | Gb | Bb | Db | Ab | Ziehbending 1 Halbton | ||||
| F | A | Ziehbending 2 Halbtöne | |||||||
| Ab | Ziehbending 3 Halbtöne | ||||||||
Ziehbending
Wie bekommst du das hin? Am besten fängst du mit dem Bending beim Ziehen, also dem „Draw Bending“ an, und damit wiederum auf Loch 1 oder 4 auf einer C-Harmonika. Von den Mundharmonikas im üblichen Bereich von Stimmungen liegt C ungefähr in der Mitte. Das Bending wird auf tieferen Stimmungen wie G (mit entsprechend längeren und trägeren Stimmzungen) tendenziell schwieriger.
Das wesentliche ist dann: du brauchst eine andere Form und Größe der Mundhöhle. Dazu kannst du probieren, den Unterkiefer nach unten zu ziehen, oder die Zunge weiter nach unten, oder beides.
Hilfreich für die Formung des Munds kann es sein, an verschiedene Vokale zu denken oder den Mund entsprechend diesen Vokalen zu formen, z. B. A einerseits und U andererseits. Wenn du dich selbst dabei beobachtest, wirst du feststellen, dass sich beim U automatisch der Mund weiter zuspitzt. Ein weiterer Trick ist es, die Mundharmonika etwas nach oben zu kippen. Das wirst du nicht langfristig in dem gleichen Maße beibehalten, aber es hilft, erst einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was überhaupt entscheidend ist für das Entstehen eines tieferen Tons. Nicht sinnvoll ist es in jedem Fall, die Mundharmonika nach unten zu kippen.
Manchmal hört man, dass die Luft eine höhere Geschwindigkeit braucht. Das kann jedoch leicht so missverstanden werden, dass man heftig saugen müsste. Das ist nicht der Fall. Sicherlich solltest du aber den Luftstrom mit den Lippen gut abdichten, so dass die Luft nicht an dem Loch der Mundharmonika vorbeiströmt, und den vorderen Teil des Munds verschmälern.
Du musst auch nicht sofort versuchen, auf Anhieb den tieferen Ton zu erreichen. Realistischer ist es, dass du erst einmal den Ziehton hörst und diesen allmählich nach unten „ziehst“. Bending an sich ist ein kontinuierlicher Mechanismus, d. h. prinzipiell ändert sich der Ton nicht in Sprüngen, sondern beliebige Töne zwischen dem Ziehton und einem Ton etwas oberhalb des Blastons sind möglich.
Ein Patentrezept gibt es nicht. Am besten verschiedene Varianten probieren, bis sich hoffentlich ein Effekt zeigt. Das kann auch mehrere dutzend Versuche erfordern, also nicht die Geduld verlieren! Daran denken, wie es war, Fahrrad fahren zu lernen: das geht auch nicht sofort, sondern erfordert Übung. Wenn man es einmal kann, weiß man nicht mehr, wo überhaupt das Problem war. Das heißt aber auch: Jemand, der benden kann, ist nicht unbedingt in der Lage, zu erklären, was genau zu tun ist. Wenn du verschiedenen Lehrern zuhörst, könnte der eine oder andere genau den entscheidenden Tipp geben – also einfach mal bei Youtube suchen.
Wenn du es geschafft hast, den Ton etwas nach unten zu biegen (aber nicht eher), kannst du dann prüfen, um wieviel es wirklich nach unten ging: war es schon ein Halbton? Gar mehr? Nicht jeder hat das im Gefühl. Das kann man mit einigen kostenlosen Apps veranschaulichen, für Android z. B. mit der App „Bending Trainer“.
Du kannst dann verschiedene Dinge üben, mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad:
- Vom normalen Ziehton zu dem gewünschten Bending-Ton kontinuierlich „herunterbiegen“, also ein Glissando machen
- Erst den Ziehton anspielen, dann direkt den Bending-Ton, ohne Glissando. Dann wieder den Ziehton
- Erst den Blaston anspielen, dann einen Bending-Ton auf dem gleichen Loch
- Erst einen Blas- oder Ziehton auf einem Loch anspielen, dann einen Bending-Ton auf einem anderen Loch
- Einen Bending-Ton auf einem Loch anspielen, dann einen Bending-Ton auf einem anderen Loch
- Das ganze beschleunigen und zwischen drei verschiedenen Tönen hin- und herwechseln
Zurück zu Blues Harp