Richter-Mundharmonika
Als diatonische Mundharmonika bezeichnet man heutzutage in der Regel eine Richter-Mundharmonika. Joseph Richter aus Haida in Böhmen hat ihr Konzept und ihre Anordnung der Töne konzipiert, der Überlieferung nach um das Jahr 1825 herum (Leider ist die Überlieferung generell nicht sehr gesichert, so dass wir gar nicht so genau wissen, ob jedes Detail der Richter-Mundharmonika schon bei Joseph Richter so umgesetzt war, aber ignorieren wir das erstmal). Sie verfügt über 10 Löcher, die auch als Kanzellen bezeichnet werden. Die Stimmzungen in den Löchern sind so angeordnet, dass man durch Blasen und Ziehen jeweils verschiedene Zungen zum Schwingen anregt.
| C | E | G | C | E | G | C | E | G | C |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |
| D | G | B | D | F | A | B | D | F | A |
Wir schauen uns im folgenden eine C-Mundharmonika an. In der Tabelle oben sind in der oberen Zeile dies Blastöne eingetragen, in der unteren die Ziehtöne. Man hält die Mundharmonika so, dass die tiefsten Töne links sind, so wie bei einem Klavier.
Die Blastöne sind offenbar sehr systematisch: C, E und G bilden den C-Dur-Dreiklang. Egal wo man sich auf der Mundharmonika befindet: wenn man drei Löcher gleichzeitig bläst, spielt man immer einen C-Dur-Dreiklang.
Die Ziehtöne folgen einer anderen Systematik. Löcher 1-3 und 2-4 ergeben einen G-Dur-Dreiklang aus G, B und D. Löcher 4-6 und 8-10 ergeben einen d-moll-Dreiklang aus D, F und A. Einen Dominantseptakkord aus G, B, D und F kann man mit den Löchern 2-5 erzeugen. Wichtig: Mit B bezeichne ich hier den Ton, den man im Deutschen traditionell als h bezeichnet. Der Halbton unterhalb B wird als Bb (im Englischen: B flat) bezeichnet. Diese Konvention hat sich international durchgesetzt.
Insgesamt werden von C¹ bis C⁴ drei Oktaven abgebildet. Im Sinne der C-Tonleiter ist aber nur die mittlere davon vollständig, die beiden anderen haben jeweils Lücken. Insgesamt sind 19 verschiedene Töne verfügbar, da der Blaston auf Loch 3 die gleiche Höhe hat wie der Ziehton auf Loch 2. Deswegen lassen sich auch ohne weitere Tricks keine beliebigen Dur- und Moll-Tonleitern spielen. Jede diatonische Mundharmonika ist für einen bestimmten Grundton ausgelegt, der sich nachträglich nicht mehr ändern lässt. Dies ist der Blaston auf Loch 1. In Lehrwerken wird typischerweise eine C-Mundharmonika vorausgesetzt. Verfügbar im Handel sind bei vielen Modellen die 12 Grundtöne G bis f#¹. Tiefer gestimmte Harps werden als „Low“ bezeichnet.
Offenkundig ist die Richter-Mundharmonika auf das Spielen von Dur-Stücken ausgelegt: Sowohl die zur Verfügung stehende Tonleiter als auch die Akkorde, die der Tonika (C-Dur) und Dominante (G-Dur) entsprechen. Wie kommt man nun aber auf die Töne, die zum Spielen eines Blues notwendig sind? Die Antwort mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen: Man nimmt das Instrument so, wie es ist, und erschließt sich die fehlenden Töne durch technische Tricks, an die der Erfinder wahrscheinlich gar nicht gedacht hat: dazu gehört das „Bending“, mit dem zusätzliche Halbtöne gespielt werden können, für die es gar keine Stimmzungen gibt. Außerdem gehört dazu das Spielen in anderen „Positionen“, bei denen ein anderer Ton als Grundton verwendet wird. Auf beides gehe ich in gesonderten Abschnitten ein.
In Läden und im Versandhandel ist inzwischen der Begriff Richter-Mundharmonika völlig verloren gegangen. Normalerweise wird diese Art der Mundharmonika als „Blues Harp“ bezeichnet. Das heißt aber keineswegs, dass man damit nur Blues spielen könnte!
Anatomie
Schauen wir uns einmal eine Mundharmonika im Groben an:
Oben und unten befindet sich am Instrument jeweils ein Deckel aus Blech. Dieser ist in der Regel aufgeschraubt, nur bei der Marine Band 1896 von Hohner ist er genagelt. Die Deckel schützen den Innenteil mit den Stimmzungen, bilden aber auch einen Resonanzraum, der für den Klang wichtig ist.
Zwischen den Deckeln liegt der Kamm und die Stimmplatten mit den Stimmzungen (hier nicht weiter zerlegt). Der Kamm kann aus Kunststoff, Holz, Bambus oder Metall sein. Am Kamm sind auf beiden Seiten Stimmplatten befestigt, üblicherweise aus Metall.
An den Aussparungen in den Stimmplatten wiederum kann man die Stimmzungen erkennen. Sie machen den eigentlichen Klang, wenn sie durch die Luftströmung in Schwingung versetzt werden. Die Stimmzungen oben (zumindest bei Seydel) sind auf der dem Spieler zugewandten Seite auf der Innenseite der Stimmplatte angebracht und schwingen beim Blasen. Die Stimmzungen unten sind auf der dem Spieler abgewandten Seite auf der Außenseite der Stimmplatte befestigt und schwingen beim Ziehen.
Jeweils eine Blas- und Ziehzunge liegen in einem Luftkanal im Kamm, der sogenannten Kanzelle. Die Dichtigkeit dieser Kanzellen ist ein Qualitätsmerkmal der Mundharmonika. Die Stimmzungen sind bei den meisten Herstellern aus Messing, bei den höherwertigen Modellen von Seydel jedoch aus Edelstahl. Stimmzungen aus Edelstahl sind langlebiger, haben aber einen geringfügig anderen Klang.
Es gibt eine Variation in der Bauweise: traditionell werden die Stimmplatten oben und unten auf den Kamm aufgesetzt. Das nennt aus naheliegenden Gründen „Sandwich“. Ein Nachteil ist, dass man mit den Lippen direkt mit den Stimmplatten in Kontakt kommt, die u. U. scharfkantig sein können. Heutzutage ist das Problem meistens dadurch behoben, dass die Stimmplatten sehr gut mit dem Kamm abschließen.
Eine andere Bauweise ist, die Stimmplatten in den (in dem Fall typischerweise aus Plastik gefertigten) Kamm einzulassen. Das nennt sich „recessed“. Hier kommen die Lippen nur mit dem Kamm in Berührung.
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