Fallersleber-Tor-Wall und Wendentor-Wall

Wenn wir aus dem Theaterpark kommen, stoßen wir nach dem Überqueren der Straße Am Fallersleber Tore zunächst auf einen Bootsverleih. Das ist natürlich der beste Weg, die Umflutgräben kennenzulernen, aber gerade nicht unser Ziel.

Bootsverleih am Fallersleber Tor

Die Straße „Am Fallersleber Tore“ wurde 1804/05 im Zuge der Zuge der Schleifung der Wallanlagen angelegt. Genau wie auf den parallel zu den Umflutgräben verlaufenden Wallstraßen wurden im Laufe der nächsten Jahrzehnte einige Villen auf großzügigen Grundstücken gebaut, die Ende des 19. Jahrhunderts durch andere Villen ersetzt wurden.

Nach zwei Villen aus der Gründerzeit fällt hier ein Haus heraus: das sechsgeschossige AOK-Gebäude von Carl Mühlenpfordt, gebaut 1929-1931. Es dürfte bis zum Zweiten Weltkrieg zu den höchsten Gebäuden innerhalb der Innenstadt gehört haben. Der dunkelrote, streng wirkende Backstein entspricht etwas dem Zeitgeist der späten Zwanziger – man findet ihn auch am Hochspannungsinstitut der TU.

AOK-Gebäude

In der Geschichte hat das Gebäude eine unrühmliche Rolle als der Ort, wo während des Nationalsozialismus von der SA Regimegegner gefoltert wurden. Elf von ihnen wurden willkürlich in der Nähe von Königslutter hingerichtet. Das Geschehen ist unter dem Begriff Rieseberg-Morde bekannt.

Unweit der Kreuzung zum Fallersleber Tor-Wall zeigt sich ein Beispiel für den pragmatischen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg [1]: den Mittelrisalit mit dem Frontispiz hat man beibehalten. Auch das Erdgeschoss hat noch große Ähnlichkeit mit dem Ursprungsbau von 1872. Aus dem oberen Geschoss hat man aber zwei gemacht, und diverse dekorative Elemente an der Fassade waren offenbar nicht einfach wiederherzustellen.

Fallersleber-Tor-Wall 2, ungefähr 1880
Fallersleber-Tor-Wall 2, 2025

Kurz vor der Einmündung des Wendentorwalls steht die Felmy-Villa, in der in den 1940er Jahren der Schauspieler Hansjörg Felmy aufgewachsen ist. Sein Vater Hellmuth war in dieser Zeit Oberbefehlshaber der Luftflotte 2; nach dem Krieg wurde er wegen Kriegsverbrechen verurteilt.

Die Villa war 1906-1909 für Berta Löbbecke gebaut geworden. Die Bezeichnung Villa Löbbecke hat sich nicht durchgesetzt, weil damit vor allem ein Haus am Inselwall, daneben aber auch eines an der Celler Straße bezeichnet wird. Heute beherbergt diese Villa ein NDR-Studio und die Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft.

Felmy-Villa

In dem Gebäude gegenüber war einmal die Mensa der Technischen Hochschule, der Erweiterungsbau stammt von 1956. Es ist schwer, sich in die Zeit hineinzuversetzen, als diese Räumlichkeiten für die Studierendenschaft ausreichend waren. Die größere Mensa an der Katharinenstraße wurde 1963 eingeweiht, schließlich kam 1997 noch die an der Beethovenstraße hinzu.

Heute ist in diesem Gebäude am Wendentorwall eine Kita des Studentenwerks untergebracht, dazu kleinere Einrichtungen wie der Personalrat und der Betriebsarzt.

Fallersleber-Tor-Wall 10

Als 1877 die Technische Hochschule eröffnet wurde, wurde sie auch Richtung Innenstadt angebunden. Die heute Pockelsbrücke genannte Brücke über den Umflutgraben wurde ebenso wie das Hauptgebäude von Constantin Uhde geplant. Inzwischen ist sie für Autos gesperrt, ebenso wie der Platz zwischen Hauptgebäude, Bibliothek, Forumsgebäude und Audimax – seit 2017 Universitätsplatz genannt -, der seitdem Aufenthaltsqualitäten hat.

Pockelsbrücke

Am Wendentorwall gibt es ein nettes klassizistisches Häuschen von Carl Theodor Ottmer (Architekt des Schlosses) von 1840. Obwohl die (seltsamerweise überlappenden) Fensterläden – im Gegensatz zum Grundstückszaun – nicht original sind, verunstalten sie das Haus nicht.

Wendentorwall

Das Wendentor war seit dem Mittelalter der Ausgang Braunschweigs nach Norden, also nach Gifhorn, Lüneburg und Hamburg. Als man die Befestigungsanlagen aus dem 18. Jahrhundert als nicht mehr zeitgemäß empfand, wurden sie Ende des Jahrhunderts geschleift und dabei laut Stadtchronik auch das Tor an dieser Stelle 1780 abgerissen. Der Gaußberg in der Nähe als ehemalige Bastion ist das noch übriggebliebene Zeugnis der Stadtbefestigung.

1818-1820 gestaltete Peter Joseph Krahe den Platz am einstigen Stadttor in einer Weise um, die sich weitgehend bis heute erhalten hat. Dazu gehören auch die klassizistischen Torhäuser.

Torhaus Wendenstraße

Im Frühjahr blüht hier Blaustern, abgelöst durch Osterglocken.

Am Wendentor

Das Fachwerkhaus an diesem Platz wurde vermutlich in der Zeit 1780-90 gebaut, es stammt also aus der Zeit, als die Stadttore Braunschweigs systematisch abgerissen wurden, aber als die Befestigungsanlagen noch nicht geschleift waren. Das Haus war für den Toreinnehmer gedacht, eine Art Zöllner.

Toreinnehmerhaus Wendentor

Karte

GPX: Wendentorwall.gpx

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