Willy-Brandt-Platz – Raabehaus

Wir starten an der Ecke Ottmerstraße/Willy-Brandt-Platz und betreten den Park, der heute den Namen Viewegs Garten trägt. Seinen Ursprung hat dieser Garten bzw. Park im 18. Jahrhundert. Er ging durch mehrere Hände, bis er 1797 von dem Verleger Johann Heinrich von Campe erworben und nach dessen Konzept einer „sinnbildliche[n] Darstellung des menschlichen Lebens“ neugestaltet wurde. Hier wurde auch ein Hügel angelegt, der als Grabstätte für Campe selbst und seine Familie dienen sollte.

Seinen bis heute benutzten Namen erhielt der Garten nach Friedrich Vieweg, Campes Schwiegersohn. Im späten 19. Jahrhundert wurde das bestehende Haus durch eine größere Villa nach Plänen von Konstantin Uhde ersetzt [1].

Villa Heinrich Vieweg

Wie man auf diesen Karten (1907, 2025) sieht, ist von der Villa nichts mehr übrig, da sie dem Bau der monumentalen Magistrale Kurt-Schumacher-Allee im Weg stand, die auf den 1960 eröffneten neuen Hauptbahnhof zuläuft [2, 3].

Karte 1907
Karte 2025

Auf der Ottmerstraße und den angrenzenden Straßen gibt es noch einige Gründerzeitbebauung.

Ottmerstraße

Wir biegen in die Kleine Campestraße ein und kommen über die Lachmannstraße zur Bertramstraße. Diese hat im Vergleich zur parallel laufenden Adolfstraße einen ganz anderen Charakter. Dort: bürgerliche Villen. Hier: einfache Handwerkerhäuser, teils in Fachwerk (dieses aus den 1870er Jahren)…

Bertramstraße 52

…teils in einer Mischung aus Ziegelbau und Fachwerk (1872)…

Bertramstraße 27

…dann aber auch großzügige Mehrfamilienhäuser.

Bertramstraße 26

Die Bertramstraße führt noch weiter bis zur Helmstedter Straße, aber wir biegen in die Leonhardstraße ab. Das Schulgebäude auf der Nordseite wird inzwischen als Außenstelle des Wilhelm-Gymnasiums genutzt, dessen Hauptgebäude 100 m weiter westlich steht. Ursprünglich war es eine Bürgerschule, und die Architektur ist weniger repräsentativ als beim Gymnasiumsbau.

Leonhardstraße 12

Daneben sieht man aber auch, dass man auch zur Gründerzeit noch Mehrfamilienhäuser in Fachwerk gebaut hat. Die dreigeschossigen Häuser hier wurden 1875 errichtet.

Leonhardstraße14/15

Durch ein Törchen in der Gerstäckerstraße kommen wir auf den Domfriedhof bzw. Magnifriedhof. Beide waren historisch getrennt, sind heute aber nicht mehr leicht zu unterscheiden (näheres auf der Seite Friedhöfe). In der nördlichen Ecke befindet sich eine Kapelle im neoromanischen Stil. Im Jahr 1900 gebaut, gehört sie heute der griechisch-orthodoxen Gemeinde und ist dem Heiligen Demetrios geweiht.

Einige Meter vom Hauptweg entfernt, aber unübersehbar ist eine große Gruppe von Grabstätten von Mitgliedern der Verlegerfamilien Campe und Vieweg. Ursprünglich befanden sich diese in Viewegs Garten, also dem Park, den wir anfangs durchlaufen haben. Als in den 1950er Jahren die Kurt-Schumacher-Straße gebaut wurde, für die ein Teil des Parks geopfert wurde, wurden die dort befindlichen Gräber auf den Magnifriedhof verlegt.

Gräber Campe und Vieweg

Im südlichen Bereich finden sich die Gräber von Gotthold Ephraim Lessing, Peter Joseph Krahe (Gestalter des Wallrings) sowie Peter Wilhelm Friedrich von Voigtländer (der das Fotografieunternehmen Voigtländer groß machte) – mehr dazu auf der Seite Friedhöfe.

Am schönsten ist es auf dem Magnifriedhof zur Zeit der Blaustern-Blüte.

Blausternblüte auf dem Magnifriedhof

Wir verlassen den Friedhof durch das Törchen auf der Südseite und biegen nach links in die Ottmerstraße, und nochmals links auf den Ring, der hier den Namen St. Leonhard trägt.

Die Stadthalle, heute (seit 2024) eine Baustelle, wurde 1962-65 im Stil des Brutalismus (von frz. „beton bru“ = roher Beton) gebaut. Bis zur Eröffnung der Volkswagen-Halle im Jahr 2000 war sie mit Platz für rund 3000 Personen (je nach Quelle), verteilt auf Großen und Kleinen Saal sowie Vortragssaal) Braunschweigs größte Veranstaltungshalle. Sie wurde sowohl für Symphoniekonzerte als auch Kongresse und andere Veranstaltungen genutzt. Manch einer wird sich daran erinnern, dass in der Corona-Zeit hier auch Impfungen durchgeführt wurden. Im Jahr 2017 wurde festgestellt, dass ein großer Sanierungsbedarf aufgelaufen war. Sogar ein kompletter Abriss wurde diskutiert, der aber auch in Hinblick auf den Denkmalschutz vom Tisch kam. Bis 2028 soll die Sanierung beendet sein. Dann wird das Gebäude auch energetisch auf dem aktuellen Stand sein.

In den anderthalb Jahrhunderten vorher war die Fläche, auf der heute die Stadthalle steht, Viehmarkt und Reitbahn, und wurde zeitweise Leonhardplatz genannt. Heute ist dies lediglich noch der Name der Bus-Haltestelle (nicht aber der Tram-Haltestelle, die heißt „St. Leonhard (Stadthalle)“).

Stadthalle (Baustelle)

Braunschweigs bekanntester Schriftsteller ist Wilhelm Raabe. Geboren 1831 in Eschershausen im Weserbergland, zog er nach dem Tod des Vaters 1845 mit seiner Familie nach Wolfenbüttel. Nach Braunschweig kam er 1870 und lebte hier 40 Jahre bis zu seinem Tod. Die Stadt spielt freilich in seinen Romanen wie Stopfkuchen, Abu Telfan und Chronik der Sperlingsgasse (die schon vorher entstand), in der Regel keine erkennbare Rolle.

Das Raabe-Haus an der Ecke Leonhardstraße/Altewiekring war nach mehreren Umzügen Raabes letzter Wohnort. Darin befindet sich ein kleines Museum, außerdem findet es für kleinere Veranstaltungen des Literaturzentrums Verwendung. Das Literaturzentrum ist dem Kulturinstitut der Stadt angegliedert. Die Stadt verleiht auch (inzwischen zusammen mit dem Deutschlandfunk) den Wilhelm-Raabe-Preis, einen mit 30.000 Euro dotierten Literaturpreis, der auch überregionale Bedeutung hat.

Raabehaus

Karte

GPX: Willy-Brandt-Platz_Raabehaus.gpx

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