Campestraße – Hauptbahnhof – Willy-Brandt-Platz

Bei diesem Spaziergang wollen wir uns dem Hauptbahnhof und Umfeld widmen. Wir beginnen an der Haltestelle Campestraße. Gleich hier werden uns die Dimensionen der Kurt-Schumacher-Straße bewusst gemacht: wir haben freien Blick auf das über 600 m entfernte Empfangsgebäude des Bahnhofs. Zum Vergleich: das ist die Entfernung (in Luftlinie) zwischen Alter Waage und Kohlmarkt. Die Breite der Straße (ohne Fußwege) übersteigt die der A2.

Kurt-Schumacher-Straße vorm Hauptbahnhof

Der praktische Anlass für den Bau der Straße in den 1950er Jahren war die Verlegung des Hauptbahnhofs vom Friedrich-Wilhelm-Platz und die damit notwendige Anbindung an die Innenstadt. In den Dimensionen schloss man sich damit nahtlos an den Städtebau im Nationalsozialismus an. Dem Straßenbau fielen 89 Häuser mit 458 Wohnungen zum Opfer. Auch 58 Gewerbebetriebe und eine Konservenfabrik sowie eine Schule wurden umgesiedelt. Heute wird der Begriff „Autogerechte Stadt“ verniedlichend als „Schlagwort“ bezeichnet, obwohl er vor allem eines ist: eine Ideologie. Hier im Vergleich Karten von 1949 [1] und 2025 [2]

Karte 1949
Karte 2025

Die drei Hochhäuser auf dem Bild mit rund 350 Wohnungen wurden übrigens von Friedrich Wilhelm Kraemer entworfen und im Laufe der 1970er Jahre fertiggestellt. Ihn kennen wir in Braunschweig zum Beispiel vom Hochschulforum mit dem Audimax. Die Hochhäuser, die ursprünglich eine Waschbeton-Fassade hatten, werden noch heute als Iduna-Hochhäuser bezeichnet. Dieser Name ist allerdings nicht exklusiv: Iduna-Hochhäuser gibt es auch in Gelsenkirchen, Essen und Münster. Damals war es Strategie der Iduna-Versicherung (heute Signal Iduna), die Beiträge ihrer Kunden in Büro-Immobilien anzulegen.

Teil des Komplexes auf der rechten Seite der Straße ist das Atrium-Bummelcenter, eine Einkaufspassage. Heute bummelt hier niemand mehr, was mir unklar ist, denn kleine Passagen mit Bäcker, Drogerie, Blumenladen und Frisör funktionieren an der Elbestraße oder dem Erfurtplatz durchaus. Heute (2025) wird der größte Teil der Fläche von einem Fahrradhändler und einer Radiologie genutzt.

Atrium-Bummelcenter

Architekt des Empfangsgebäudes war Erwin Dürkop, damals Beamter bei der Bundesbahn. Ich finde es ein durchaus gelungenes Beispiel für Nachkriegsarchitektur, funktional und elegant. Wenn das Gebäude negativ bewertet wird, liegt das m. E. daran, dass es in Geiselhaft genommen wird für das wenig attraktive Umfeld.

Empfangsgebäude

In der Umgebung des Hauptbahnhofs ist im Laufe der Zeit die größte Ansammlung von Hochhäusern der Stadt entstanden. Nördlich wurde die „Toblerone“ gebaut (1990 eröffnet), ursprünglich als Verwaltungsgebäude für die Deutsche Bundespost. Planungsbüro war Gerkan, Marg und Partner, die z. B. auch den Berliner Hauptbahnhof und die Neue Messe Leipzig entworfen haben. Das Gebäude hat einen dreieckigen Grundriss. Auf dem Dach kann man eine Videoinstallation sehen. Dadurch, dass auf das eigentliche Haus noch eine ca. 25 m lange Spitze gesetzt wurde, erschummelt es mit 90 m sich den Titel des höchsten Hauses der Stadt. Zum Vergleich: der „Lange Heinrich“, der Schornstein des Heizkraftwerks Mitte, kommt auf eine Höhe von 198 m.

Toblerone

2015 kam das Gebäude mit der länglichen abgerundeten Form hinzu, 2023 schließlich eines, dessen Grundriss aus zwei leicht versetzten Rechtecken besteht. Ich bin kein großer Hochhaus-Fan, aber diese hier gefallen mir in ihrem Spiel mit den Formen. Im dritten der genannten Häuser ist die Stadtverwaltung Hauptmieter. Eigentümer dieser drei Hochhäuser ist die Volksbank BRAWO (der Zusatz steht für Braunschweig-Wolfsburg, obwohl das Geschäftsgebiet auch u. a. Wolfsburg, Salzgitter und Peine umfasst). Sie ist einer der größten Immobilien-Investoren der Region – ihr gehören z. B. auch das Galeria-Gebäude an der Schuhstraße, das leerstehende Horten-Gebäude am Bohlweg und das Schlosscarree . Auch die Wolters-Brauerei gehört ihr. Ist das die Expertise einer Bank?

Hochhäuser BraWo

Übrigens befinden wir uns hier, was die Adresse angeht, auf dem Willy-Brandt-Platz. Diesen Namen gibt es seit dem Jahr 2013, davor war dieser Teil der Ringstraße einfach Teil des Berliner Platzes, also des Bahnhof-Vorplatzes.

Karte

GPX: Hauptbahnhof.gpx

Weiter geht’s
Bildquellen
  • [1] Braunschweig 1949, Bibliothèque nationale de France 
    „Non-commercial use of documents is free of charge, in accordance with the legislation in force, and in particular with the requirement to mention the source as BnF or Bibliothèque nationale de France.“
  • [2, Karte] OpenStreetMap
    OpenStreetMap-Mitwirkende
    Open Data Commons Open Database License