Petritorwall

Vom vorherigen Spaziergang am Inselwallpark kommen wir zum Neustadtmühlengraben. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es mehrere offene Arme der Oker, die kanalisiert durch die Stadt strömten. Der Neustadtmühlengraben – der bis zur Anlage der Umflutgräben im 15. Jahrhundert noch die westliche Stadtgrenze bildete – ist der einzige davon, der nicht vollständig oder weitestgehend unterirdisch kanalisiert worden ist. Hier endet er an der Neustadtmühle, der er schon im Mittelalter das Wasser zuführte.

Neustadtmühle

Das heutige Mühlengebäude stammt aus dem Jahr 1848 – damals wurde eine moderne Francis-Turbine eingebaut. Offenbar lieferte zu der Zeit der Graben mehr Wasser als das sparsame Getröpfel heutzutage. Dennoch gab es für Zeiten von Niedrigwasser noch eine Dampfturbine. Im Zweiten Weltkrieg ist das Gebäude ausgebrannt. Beim Wiederaufbau wurden die Öffnungen, durch die das Wasser eingeströmt war und anschließend durch den Inselwallpark geleitet wurde, verschlossen. Jetzt fließt das Wasser ausschließlich durch den Bosselgraben weiter. Heute ist die Mühle ein Jugendzentrum, in dem des öfteren Veranstaltungen stattfinden.

Die schönste Zeit für die Okerstraße ist der April, wenn die Kirschbäume blühen. Ich habe zu der Zeit hier auch schon Japaner fotografieren sehen… Im Hintergrund die Petrikirche mit ihrem über 3 m großen Hahn.

Okerstraße

Dass an dem Nordende 70 m des Petritorwalls vom Rest abgeschnitten sind, mag erst einmal überraschen. Es ist aber einfach eine Konsequenz der historischen Entwicklung. Das, was heute als Rosental bezeichnet wird, ist aus einem Ravelin der Stadtbefestigung im 18. Jahrhundert hervorgegangen. Der Weg von der Celler Straße durch das Neue Petritor in die Stadt hinein (das Alte Petritor lag weiter südlich) wurde über dieses Ravelin geführt. Bei der Niederlegung der Stadtbefestigung wurde zwar die Okerbrücke an ihre heutige Stelle verlegt, aber der Weg von der Brücke in die Stadt hinein führte immer noch über die heutigen Straßen Am Alten Petritor und Am Neuen Petritor. Erst der Zweite Weltkrieg mit seinen Zerstörungen und die folgende Optimierung der Verkehrsweg führte dazu, dass die Celler Straße geradlinig zum (verlegten) Radeklint führte, der jetzt eine riesige asphaltierte Fläche ist [1], [2].

Radeklint 1836
Radeklint 2021

Heute trittt der Neustadtmühlengraben nach der Unterquerung des Radeklints nach 100 m wieder an der formschönen Brücke am Neuen Petritor zu Tage. Die Brücke wurde schon von Peter Joseph Krahe entworfen, der für die Umgestaltung der Wallanlagen Anfang des 19. Jahrhunderts zuständig war – sie wurde 1825 vollendet.

Brücke am Neuen Petritor

Die Friedrich-Wilhelm-Eiche weist auf eine anekdotische Überlieferung für den Abend des 31. Juli 1809 hin: hier schlug Herzog Friedrich Wilhelm – der Schwarze Herzog – sein Lager vor der Schlacht bei Ölper auf. Der jetzt hier stehende Baum ist allerdings erst 1850 zur Erinnerung an das Ereignis gepflanzt worden (außerdem war es ursprünglich wohl eine Akazie, keine Eiche) und wurde neun Jahre später nach einem Entwurf von Friedrich Maria Krahe (einem Sohn Peter Josephs) eingefasst. Bei mir hat es einige Zeit gedauert, bis ich gemerkt habe, dass es sich hier um stilisierte Kanonen handelt.

Denkmal für den Schwarzen Herzog

Was mich auf diesem zeitgenössischer Stich von Eberhard Siegfried Henne [3] neidisch macht, ist das Teeservice – so etwas habe ich beim Bund bei meinen Biwaks nicht geboten bekommen.

Der Schwarze Herzog vor der Schlacht bei Ölper

In Sichtweite des Biwak-Denkmals führt Braunschweigs einzige Hängebrücke, die beschauliche Rosentalbrücke, ins Rosental. Sie hat einen ganz anderen, beschaulichen, Charakter als andere Brücken, weil z. B. kaum mal ein Radfahrer sich hierhin verirrt (Autos sowieso nicht) und zum anderen die Ufer auf beiden Seiten dicht mit Bäumen und Gesträuch bewachsen sind. 1880 wurde die Brücke von Anwohnern finanziert gebaut, und hat sich seither nicht viel verändert.

Brücke ins Rosental

Wir bleiben auf der östlichen Seite der Oker und überqueren die Celler Straße. Hier geht der Petritorwall weiter. Die Bausubstanz ist durchmischt. Ein Beispiel für heutigen Umgang mit schönen Gründerzeit-Bauten findet man an Hausnummer 12: die 1882 errichtete Villa ließ man jahrelang verrotten, bis die Gelegenheit gekommen war, sie für ordentlichen Profit zu zerfleddern. Das eigentliche Gebäude ist nun ein vierstöckiger
0815-Neubau, dem die schöne Fassade nur noch als Alibi vorgehängt ist.

Petritorwall

Dass man mit einem Haus auch anders umgehen kann, sieht man ein Stück weiter am Hohetorwall 11 (das Haus, in dem Ricarda Huch ihre Kindheit verbrachte):

Hohetorwall 11 Detail I
Hohetorwall 11 Detail II

Ein Fußweg bringt uns nun auf die andere Seite des Neustadtmühlengrabens, der hier sehr versteckt verläuft. Er taucht in Karten als Eulenspiegeltwete auf, ist in Google Maps aber namenlos.

Eulenspiegeltwete

Echtern- und Sonnenstraße bringen uns wieder auf die westliche Seite des Neustadtmühlengrabens. Heutzutage ist der Graben unterhalb der Sonnenstraße verrohrt, so dass man Mühe hat, ihn hier zu sehen. Allerdings ist seine Lage durch ein Kunstprojekt markiert, das hier für den Braunschweig Parcours 2004 (einen Vorläufer des Lichtparcours) von Mark Dion geschaffen wurde. Der US-Amerikaner nannte es „Elster Flohmarkt“. Das Häuschen ist hat seine äußere Gestalt nach dem Vorbild des kleinen Antiquariats, das sich an die Burg anlehnt. Die Gegenstände darin sollen allesamt von Flohmärkten der Region stammen.

Elster Flohmarkt

Karte

GPX: Petritorwall.gpx

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Bildquellen